Wo Visionen wahr werden

Am Braunschweiger Staatstheater werden Geschichten in Oper, Tanz, Musik und Schauspiel lebendig – Mal minimalistisch, mal ausufernd-pompös inszeniert mit Kulissen, die überraschen, verwundern und erstaunen. Gemeinsam mit Anne Belatra, Werkstattleitung der Dekorationswerkstätten, werfen wir einen Blick in die Trickkiste des Theaters und finden heraus, wie viel Herzblut und Zeit in die Erschaffung der Bühnenwelten fließt.

Um hinter den Kulissen alles für eine reibungslose Vorstellung vorzubereiten, braucht es einige helfende Hände, erzählt Anne Belatra: „Zusammen mit der Bühnentechnik, mit Beleuchtung, Ton, Schneiderei, Maske, also allen, die den technischen Gewerken zugeordnet sind, sind wir ungefähr 250 Personen. Das sind rund die Hälfte aller Mitarbeitenden des Staatstheaters.“ 28 davon arbeiten in den Theaterwerkstätten, die im Park nebenan untergebracht sind und eine Tischlerei, eine Schlosserei, einen großen Malsaal und einen kleinen Bereich für Plastiken umfassen.

Die Theater-Werkstätten wurden Mitte des 20. Jahrhunderts gebaut, in einer Zeit, in der Bühnenbilder häufig aus hängenden Stoffen und ein paar wenigen Möbeln bestanden. Heute hingegen werden hier teils mehrstöckige, begehbare Bühnenbilder hergestellt: „Wenn man heute eine Werkstatt bauen würde, dann würde man es definitiv anders machen,“ erzählt Anne Belatra. Die größte Fläche der Werkstätten wird von der Tischlerei belegt. Große Werktische, riesige Abluftanlagen und röhrende Sägen bestimmen hier das Bild. Zehn Tischler beschäftigt das Theater in diesen Räumen, davon drei Auszubildende, die – so die Hoffnung – als langfristige Mitarbeitende im Team verbleiben werden: „Es ist absehbar, dass wir irgendwann einen Generationswechsel haben werden. Da ist es natürlich toll, direkt Theater-Tischler auszubilden.“ Bevor jedoch die Sägen angeschmissen werden, braucht es mehrere Wochen Vorlauf, um zuverlässige Pläne für den Kulissenbau zu kreieren.

Anne Belatra, Werkstattleitung der Dekorationswerkstätten
Anne Belatra, Werkstattleitung der Dekorationswerkstätten des Staatstheaters Braunschweig. Bild: BS|ENERGY/Inga Stang.
Einer der ersten Schritte besteht beim Bühnenbau in der Planung einzelner Bühnenelemente und deren Zusammenspiel. Bild: BS|ENERGY/Inga Stang.
Visionen auf Papier

Zu Beginn erarbeiten Regisseure sowie Kostüm- und Bühnenbildner Hand in Hand einen ersten Entwurf und halten ihre Ideen für die jeweilige Inszenierung in Fotos, Texten und Zeichnungen fest. Anschließend ist es an Anne Belatra und ihrem Team, die technische und künstlerische Umsetzung zu planen. Hierbei könne man die jeweiligen Produktionen nicht einfach nur einzeln betrachten, erklärt die Werkstattleiterin: „Wir müssen unseren Repertoire-Betrieb im Kopf haben und überlegen, wie funktioniert der Wechsel auf das andere Stück? Wie ist es mit der Aufbauzeit? Wie ist es mit den Lagerkapazitäten im Haus? Im Außenlager? Mit den Transportkapazitäten? Wir müssen gucken, wie das Stück in den Ausmaßen, wie es sich der Bühnenbilder ausdenkt, für das Haus umsetzbar ist.“

Ist allen klar, wie die Bühne aussehen soll und was besonders zu beachten ist, geht es zur sogenannten Bauprobe. Bei dieser wird aus einfachen Mitteln auf der Bühne ein rudimentäres Bühnenbild aufgebaut, um ein erstes Gefühl für den Raum zu erhalten: „Man nimmt zum Beispiel Latten, um die Höhe von einem Raum zu markieren und aus einer Standardzarge wird eine Bar. Es geht nur um Dimension. Unser Leiter vom Besucherservice geht danach in den Zuschauerraum und überprüft, ob alle das sehen können, was da stattfinden soll. Auch für das Regie-Team ist es wichtig, zu schauen, wie voll oder leer die Bühne wäre.“

Planung bis ins kleinste Detail

Auf die Bauprobe folgt schließlich der dritte Meilenstein: Die Werkstattabgabe. Bei dieser überarbeitet der Bühnenbildner die ursprünglichen Pläne anhand der Erkenntnisse aus den vorigen Schritten. Gemeinsam mit den Werkstattleitungen und anderen Personen vom Produktions- und Technikteam wird schließlich der aktualisierte Plan noch einmal minutiös auseinandergenommen und jedes Detail besprochen, bevor an die Werkstätten übergeben wird. Ein Prozess, der seine Zeit braucht: „Wir sagen immer, das absolute Minimum für ein Stück ist ein halbes Jahr Vorlaufzeit. Die großen Opern oder das Burgplatz Open Air brauchen sogar ein Jahr Vorlauf. Wenn es etwas komplexer wird, haben wir die zusätzliche Problematik, dass die Pläne auch noch zum Statiker müssen.“

In diesem Jahr wird auf dem Burgplatz die romantische Oper „Der Freischütz” von Carl Maria von Weber gezeigt. Der für die Inszenierung geplante lebensgroße Baum ist ein solcher Fall für die Statiker. Gebaut aus Metall und Stoff wird die Skulptur den gesamten Bühnenraum überragen und teilweise über den Zuschauenden hängen. „Die 3 bis 4 Wochen, in denen die Pläne auf den Tischen im Statikbüro liegen, kosten uns wertvolle Zeit, in der wir nicht weiterkommen. Die Tischler und Schlosser können währenddessen nichts machen, als darauf zu warten, dass das Prüfzeugnis vergeben wird.“

Außen Hui, innen Stahl

Nach Ostern konnte schließlich mit dem Kulissenbau für den Burgplatz begonnen werden. Da die gesamte Kulisse neu und aufgrund der Open-Air-Situation nach strengen Sicherheitsvorschriften gebaut werden muss, plant das Team mit 12 Wochen Arbeit, die zum großen Teil in der Schlosserei stattfinden wird. Ein Werkbereich, der häufig übersehen wird, meint Anne Belatra: „Hier passiert ganz viel Arbeit, die man nachher im Bühnenbild oft nicht sieht. Beim Burgplatz zum Beispiel ist in diesem Jahr ganz viel Stahlbau drin, auch wenn man nachher nicht ein bisschen hiervon sehen wird. Das wissen viele nicht.“

Mit zunehmender Komplexität der Bühnenbilder ist der Bedarf an Schlosserarbeiten in den letzten Jahrzehnten immer größer geworden. Mit dem ursprünglich geplanten Platz kommt die Schlosserei daher schon lange nicht mehr hin und hat sich mittlerweile auf die ursprüngliche Montagehalle ausgeweitet. „Die Werkstatt war eigentlich nicht darauf ausgelegt, mehrstöckige Gebäude oder einen zehn Meter hohen Baum zu fertigen. Wir arbeiten an der Kapazitätsgrenze.“ Bei drei bis vier Produktionen, die parallel in den Werkstätten gefertigt werden, ist von allen Mitarbeitenden gefordert, einen Überblick über die logistischen Herausforderungen zu behalten und sich gut abzusprechen.

Geschickt verschwindet der Braunschweiger Löwe im Bühnenbild des neuen Burgplatz-Open-Air. Bild: BS|ENERGY/Inga Stang.
In diesem Jahr wächst das Bühnenbild vor allem in die Höhe, weshalb alle Arbeiten in einer Montagehalle stattfinden. Bild: BS|ENERGY/Inga Stang.
Illusionen aus Stoff und Farbe

Der Malsaal ist im Gegensatz zu der Schlosserei für alle sichtbaren Effekte zuständig. 13 Personen sind hier angestellt und erschaffen Welten in allen Formen und Farben: „Wir können viele optische Täuschungen und Illusionen über den Malsaal erzeugen und Sachen behaupten, die gar nicht da sind. Vieles, was man in der Realität bauen würde, also wo zum Beispiel eine Fuge von dem Tischler eingefräst worden wäre, können wir malerisch lösen, indem wir einfach malerisch Schattenfugen setzen. Man darf nicht alles glauben, was man auf der Bühne sieht,“ erklärt Anne Belatra. Das Team umfasst Maler und Lackierer sowie ausgebildete Theatermaler, die in erster Linie für das Bemalen sogenannter Prospekte, also hängender oder liegender Bühnenbilder aus Stoff zuständig sind.

36 Meter lang und ca. 15 Meter breit kann so ein Prospekt sein. Hier den Überblick und ein Gefühl für das Gesamtbild zu behalten, ist eine der größten Herausforderungen für die Theatermaler. „Die Schlosser und die Tischler bauen nach Zeichnung oder aus ihrem Erfahrungsschatz genau das, was sie bauen sollen. Die Theatermaler müssen sich vieles selber erarbeiten,“ erklärt Anne Belatra. „Wir kriegen manchmal auch Vorlagen von den Bühnenbildnern, aber es kommt oft vor, dass sich ein Maler extra hinsetzt und noch mal eine Vorlage von der Vorlage erstellt. Die haben da einen extrem hohen künstlerischen Anspruch.“

Vermitteln zwischen kreativer Freiheit und praktischen Tatsachen

Während fleißig in den Werkstätten gebaut wird, findet parallel der szenische Arbeitsprozess statt, welcher circa sechs Wochen vor der Premiere im Probenprozess gipfelt. Dieser findet auf den Probebühnen im Theater statt, damit die Hauptbühnen währenddessen weiter bespielt werden können. Auf die fertigen Kulissen muss das Team in dieser Zeit noch verzichten und sich stattdessen mit rudimentärer Bühnendekoration weiterhelfen. In dieser Zeit kommt es durchaus vor, dass zuvor nur als Dekoration geplante Elemente plötzlich begehbar, verschiebbar oder größer sein sollen, als ursprünglich geplant. In solchen Situationen ist Verhandlungsgeschick gefragt, erzählt Anne Belatra: „Ich kenne auch die andere Seite. Ich habe lange als Bühnenbild- und Kostümbildassistentin gearbeitet und kenne diesen künstlerischen Prozess. Und ich verstehe schon, wie sowas kommt. Weil man in seiner rudimentären Probendeko arbeitet. Und in der ist ja alles möglich. Das ist ja so die Fantasiewelt. Aber es ist halt in den Werkstätten nicht so leicht, mal eben umzubauen oder vielleicht zeitlich nicht realisierbar nochmal etwas Neues zu bauen. Das ist dann halt die Realität, die manchmal mit der künstlerischen Vision nicht vereinbar ist. Da ist es unsere Aufgabe zu vermitteln.“

Letzte Schliffe und Schweißperlen

Kurz bevor sich der Vorhang zur Premiere öffnet, beginnt schließlich der finale Aufbau der fertigen Kulissen auf der Bühne. Wenn hier etwas nicht passt, wird es problematisch. „Wir haben keinen zeitlichen Puffer. Unsere Montagehalle ist technisch nicht so ausgerichtet, dass wir die Bauten vormontieren und gucken können, ob denn alles, was wir uns hier auf Papier ausgedacht haben, so stimmt. Daher besteht immer ein kleines Restrisiko.“ Gibt es in diesem kritischen Zeitraum größere Probleme, geht dies zulasten der Bühnenproben. Das ist jedoch ein absoluter Ausnahmefall, erzählt Anne Belatra.

Eine ganz besondere Herausforderung im Aufbau sind die Kulissen beim Burgplatz Open Air: „Wir haben immer nur drei Tage, um das Bühnenbild technisch einzurichten. Es ist nach dieser Zeit jedoch nie vollständig, sondern es finden in der Regel in den Probenpausen immer Nacharbeiten statt. Meistens morgens ganz früh, denn wir haben ja immer das Glück, dass es zum Burgplatz 35 Grad und pralle Sonne ist. Da machen Schweißarbeiten Spaß!“, schmunzelt Anne Belatra. Mit Oberflächentemperaturen von teils bis zu 60 Grad in der Arena, verlangt der Open-Air Aufbau daher vollen Einsatz von allen Beteiligten und konsequente Pausen im Schatten. „Wir machen es aber immer gerne. Es ist dann immer ein bisschen Festivalstimmung. Das ist etwas Besonderes.“

Re- und Upcycling

Nach jedem Stück werden die Kulissen wieder zurückgebaut und eingelagert. Wirklich viel Platz hat das Theater jedoch nicht mehr: „Aktuell haben wir eine Lagerfläche von 4.000 Quadratmetern und das ist immer noch zu klein. Wir müssen regelmäßig durchsortieren und uns überlegen, ob wir etwas recyceln können oder ob wir es dem Wertstoffhof zuführen müssen. Alles, was wir wiederverwenden können, verwenden wir auch wieder.“ Man darf also gespannt sein, ob vielleicht auch der Baum vom Burgplatz Open Air irgendwann einmal wieder als Gast in einem Stück auftauchen wird.

Ab dem 22. August 2026 können sich die Braunschweiger Opernfans auf „Der Freischütz“ freuen.

Burgplatz Open Air 2026: „Der Freischütz”

Das Burgplatz Open Air ist ein Quell der Freude und Inspiration. Dort entlädt sich musikalische Energie auf das Feinste, wenn jedes Jahr im Sommer mitten auf dem Burgplatz ein Open Air-Theater entsteht. Seit 2003 unterstützt BS|ENERGY diese Veranstaltung des Staatstheaters Braunschweig als Hauptsponsor.

Vom 22. August bis 9. September 2026 präsentiert das Staatstheater Braunschweig auf dem Burgplatz „Der Freischütz” von Carl Maria von Weber. Der Jägersbursche Max liebt Agathe, die Tochter des Erbförsters Cuno. Da dieser keinen Sohn hat, soll Max ihm durch die Hochzeit mit Agathe auch beruflich nachfolgen. Zuvor aber muss er, so will es die Tradition, einen Probeschuss vor dem Fürsten absolvieren. Nun hat Max just in dieser Zeit großes Pech beim Jagen und zweifelt an seinem Können. Mit einem Pakt in der Wolfsschlucht um Mitternacht nimmt das Unheil seinen Lauf.

Die Premiere markiert zugleich den feierlichen Auftakt der Intendanz von Tobias Wolff, der zur Spielzeit 2026/27 die Leitung des Staatstheaters übernimmt. „Der Freischütz“ ist wie gemacht für Braunschweig und für den Burgplatz: Er verbindet Volksnähe mit künstlerischer Strahlkraft und großen Bildern – und die Wolfsschlucht-Szene entfaltet auf einer Open-Air-Bühne nochmals eine ganz besondere Magie“, so Intendant Tobias Wolff. Mehr Informationen rund um die diesjährige Burgplatz Open Air Produktion finden Sie auf www.staatstheater-braunschweig.de.

Seien Sie auf dem Burgplatz live dabei!
Zehn Tischler beschäftigt das Staatstheater in den Theaterwerkstätten. Bild: BS|ENERGY/Inga Stang.

Rückblick

Hinter den Kulissen von „La traviata“: Die Geheimnisse des Produktionsleiters

Im vergangenen Jahr durften wir kurz vor der Premiere dem Produktionsleiter David Els beim Aufbau der Freiluft-Arena über die Schulter schauen.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel.

David Els, für das Staatstheater Produktionsleiter des Burgplatz Open Air. Bild: BS|ENERGY/ Karsten Mentasti.

Gewinnspiel

BS|ENERGY verlost 100 x 2 Karten für das Burgplatz Open Air!

Um Tickets zu gewinnen, beantworten Sie einfach die Gewinnspielfrage auf www.bs-energy.de/burgplatz.

Es werden aus dem gesamten Teilnehmerkreis 100 x 2 Karten für die Veranstaltung am Donnerstag, 27. August 2026 verlost (kein Kartentausch möglich!). Teilnahmeschluss ist der 26. Juni 2026 .

Im Gewinnfall werden die Karten ausschließlich auf dem Postweg (Einwurfeinschreiben) versendet. Viel Glück!

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