Schaurig-schöne Einblicke

Vorbereitungen für das Burgplatz-Open-Air in vollem Gange

In der Requisite wird gerade Blut gemixt. Viel Blut. Künstliches Blut selbstverständlich. Gebraucht  wird es für das diesjährige Burgplatz-Open-Air von Giuseppe Verdis »Il trovatore« („Der Trouba dour“). Wie durch Adern soll das Kunstblut in Lücken der Open-Air-Bühne fließen. Was sich gruselig anhört, ist durchaus so gewollt, denn in Verdis Oper geht es teils recht schaurig her. Wie ein  Mittelalterspiel sollen Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme das Stück wirken lassen. Wir durften schon einmal einen Blick hinter die Kulissen werfen! 

In Verdis Oper geht es um die Rache einer Mutter als zentrales Thema. Von Zeitgenossen wurde die Oper als unterhaltende Schauerromantik aufgefasst und auch genauso konsumiert. Dieses Gefühl will auch die aktuelle Inszenierung transportieren, verrät Regisseur Jan Eßinger. Die mittelalterliche Burgplatzkulisse wird man sich dabei natürlich auch zunutze machen. 

Was dazu aufgeboten wird, hört sich gewaltig an: das Staatsorchester Braunschweig, der Staats opernchor und ein Extrachor, dazu die Solist:innen in meist dreifacher Besetzung – bis zu 160  Menschen werden dem Stück zeitgleich Leben einhauchen. Eßinger spricht von „Körperbildern“ und „Menschenbildern“, die der Chor erzeugen wird. Neben dem Gesang wird das körperliche Spiel an Stellenwert gewinnen. Menschenmassen können dann schon mal Assoziationen an Scheiterhaufen wecken. 

Mittels eines Modells wird der Aufbau der Bühne inmitten der Zuschauer akribisch geplant. Bild: Martina Zingler.

Auf shakespeareschen Bühnen hautnah am Publikum

Die Proben dazu haben gerade begonnen. Die Probebühne in einer Halle an der Hamburger Straße besteht derzeit aus einer abgeklebten Fläche mit auf den Boden gezeichneten Rauten und drei Podesten. Sowohl der Damen- als auch der Herrenchor durften hier bereits in verschiedenen Konstellationen proben. Auch einen musikalischen Durchlauf mit dem Dirigenten Srba Dinić gab es bereits. Eine Besonderheit bei der diesjährigen Inszenierung sind die drei sich drehenden, runden Podeste, eines davon in einem schrägen Winkel. Eine Herausforderung, der die Chormitglieder aber ganz offen begegnet sind, berichtet Eßinger: „Es war eine große Lust zu spüren, das auszuprobieren.“ Die nächsten Proben – mit handbetriebener Drehkraft, da die Maschinen nicht zur Probebühne an der Hamburger Straße transportiert werden können – erfordern dann natürlich noch ein Sich-Gewöhnen an Geschwindigkeit der Rotation und das Auf- und Absteigen von den unterschiedlich hohen Bühnen.

Sich drehende Podeste und Kanäle mit Kunstblut – auch das Bühnenbild verkörpert die dramatischen Ergebnisse von Verdis „il trovatore“. Bild: Martina Zingler.

Ähnlich wie bei einer klassischen Shakespeare-Bühne wird ein Teil in den Zuschauerraum ragen. Die räumliche Trennung zwischen Publikum und Darstellern schrumpft auf ein Minimum. Ein haut nahes Erlebnis ist garantiert. „160 Menschen auf der Bühne werden eine unglaubliche Kraft entwickeln“, ist sich Eßinger sicher.

Ein reines Kulissentheater soll es dabei aber nicht werden. Marc Weeger, für das Bühnenbild verantwortlich, will das mittelalterliche Umfeld als Folie für ein Gänsehautfeeling verstanden wissen. „Der Grusel liegt unter der Oberfläche“, so Weeger. Nicht zuletzt wird das durch verschiedene Ebenen im Bühnenaufbau suggeriert: Das Schlachtfeld um die Krone von Aragon wird durch Rauten in den Wappenfarben Rot und Gelb symbolisiert – hochgeklappt sollen sie sogar wie Grabplatten wirken. Darüber „schweben“ quasi die drei sich drehenden Bühnen. In den Werkstätten und der Schlosserei des Staatstheaters wird derzeit noch eifrig getüftelt, wie das mechanisch umzusetzen ist.

Natascha Maraval ist für die Kostüme des diesjährigen Burgplatz-Open-Airs verantwortlich. Bild: Martina Zingler

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Kostüme transportieren Emotionen

Auch die Kostüme greifen diese Zweiteilung auf: Die Truppen von Graf Luna sind durch klare, einheitliche Kostüme zu erkennen – durch Kettenhemden werden mittelalterliche Bezüge deutlich gemacht. Die Männer von Manrico hingegen sind eine wildere Horde und tragen Tiermasken, die der Basler Fassnacht entlehnt sind. Natascha Maraval, die für die Kostüme verantwortlich zeichnet, hatte Spaß daran, die teils schaurigen Masken zu entwickeln. Auch die Herstellung der schieren Masse an Kostümen für den Chor und den Extra-Chor erfordert gerade ihr gesamtes Können und das der Werkstätten. Derzeit laufen die Kostümproben: Jedes Chormitglied hat 20 Minuten für Anproben und Anpassungen von zwei Kostümen, danach gehen die Kostüme wieder in die Schneiderei.

Ebenso wie durch Menschengruppen Bilder entstehen werden, sollen die Kostüme Emotionen transportieren. Besonders prägnant wird dies umgesetzt beim Geisterkind des toten Sohnes von Azucena und dem von ihr entführten und an Kindes statt aufgezogenen Manrico, Sohn des Grafen Luna. Eine weiß gepuderte Gesichtshälfte versinnbildlicht bei Mancrio die fehlende Hälfte des Geschwisters, das wiederum ganz in Weiß auftritt.

Eine solch radikale Emotionalität auf der Bühne und einige der bekanntesten Chorstücke aus Verdis Feder – wir dürfen uns wahrhaftig auf ein schaurig-schönes Erlebnis freuen!

Prägnante Formen und Farben verdeutlichen die Zugehörigkeit der einzelnen Charaktere. Bild: Lia Dorenberg/Staatstheater Braunschweig

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