Zu Besuch in den Rieselfeldern: Paradies für Vögel und Vogelfreunde
Nicht nur im Frühjahr und Herbst sind die Rieselfelder äußerst attraktiv für Vögel und für Vogelbeobachter: Vom Zilpzalp über den Hausrotschwanz bis zu Großvögeln wie Fisch- und Seeadler oder Schwarzstorch finden sich an den Wasserläufen, Teichen und Brachflächen bis zu 250 teils stark gefährdete Arten ein.
Das Gelände dient bereits seit 1895 der Abwasserbehandlung, gehört dem Abwasserverband
Braunschweig und wird von der Stadtentwässerung Braunschweig GmbH (SE|BS) betrieben.
Die Braunschweiger Rieselfelder sind Bestandteil des Klärwerkbetriebs. Der naturnah gestaltete Bereich beginnt nördlich der Kläranlage. Dort können Weißstörche und viele andere Vögel aus der Nähe beobachtet werden: Spaziergänge oder Radtouren durch das Betriebsgelände sind erlaubt und immer ein besonderes Erlebnis.
Die gut erkennbaren Wege dürfen nicht verlassen werden, Hunde sind ganzjährig an der Leine zu
führen. Besuchende müssen sich unbedingt so verhalten, dass die Vogelwelt nicht gestört wird.


Zahl der Silberreiher steigt
Es lohnt sich, ein Fernglas mitzunehmen. Abgesehen von vielen Wasservögeln, Limikolen, Möwen und Kleinvogelarten halten sich auch Kraniche, Graureiher
und Kormorane dort auf.
„Gerade die weißen Silberreiher sind in jüngster Zeit häufiger in größeren Gruppen als Nahrungsgäste anzutreffen“, weiß Günter Brombach von der Avifaunistischen Arbeitsgemeinschaft Südostniedersachsen (AviSON), einer Fachgruppe im NABU-Landesverband. „Früher haben wir uns gefreut, wenn überhaupt einer da war.“ Brombach und Co. haben sich die Beobachtung und wissenschaftliche Vogelzählung zur Aufgabe gemacht. Daten über Wasservögel wie Zwerg- und Haubentaucher und viele Entenarten werden durch Mitglieder der Gruppe regelmäßig erfasst und an die Staatliche Vogelwarte weitergeleitet. Die ehrenamtlichen Ornithologen notieren auch die anderen Vogelarten und veröffentlichen diese Daten in ihrer Jahresschrift „AVES Braunschweig“.
„Braunschweiger Wattenmeer“
Watvögel wie Flussuferläufer, Bekassine oder Waldwasserläufer halten sich auf Schlammflächen und an Gewässerrändern auf. Vor der Inbetriebnahme der Kläranlage waren die Schlickfelder überregional als „Braunschweiger Wattenmeer“ bekannt. Watvögel finden im feuchten Boden Futter wie Spulwürmer oder Köcherfliegenlarven. Viele, auch auf der Roten Liste stehende Arten, nutzen die künstlich angelegte, aber naturnah gestaltete Rieselfelder-Landschaft zum Brüten. Für die schwarz-weiß-braun gefiederte Brandgans ist es der südlichste Brutplatz in Niedersachsen. Andere Zugvogelarten machen zweimal im Jahr
Rast. Gerade im April und Mai ist reger Betrieb. Für etliche Vogelarten haben der Abwasserverband Braunschweig und die SE|BS als technische Betriebsführerin ideale Bedingungen geschaffen.
Einzigartig in ganz Deutschland
Die Rieselfelder sind heute die einzigen in ganz Deutschland, in denen Wasser nach Durchlaufen des Klärwerks noch nachhaltig genutzt und naturräumlich behandelt wird. „Das Wasser wird nicht wie anderswo direkt in einen Fluss eingeleitet“, erklärt SE|BS-Mitarbeiter Jörg Walther. Abhängig vom jahreszeitlichen Bedarf wird rund die Hälfte des Wassers nach der technischen Reinigung direkt zu den Feldern der Landwirte gefördert, die im Abwasserverband organisiert sind. Dessen rund 2.700 Hektar großes Verregnungsgebiet liegt hauptsächlich im südlichen Landkreis Gifhorn. Mit dem Wasser werden Energiepflanzen und Feldfrüchte bewässert, die nicht frisch oder roh verzehrt werden. Was die Pflanzen nicht aufnehmen, sickert durch die Bodenpassage weiter gefiltert ins Grundwasser und bleibt dem Wasserkreislauf erhalten.
Der andere Teil des Klarwassers wird – wie schon vor 130 Jahren – über ein Druckrohrnetz auf die Rieselfelder geleitet. Ab 1895 wurde die noch ungeklärte städtische Kanaljauche auf die dort ortstypisch vorhandenen leichten Sandböden geleitet, versickerte und wurde beim „Rieseln“ durch die Erdschichten gefiltert und gereinigt.
Naturnah gestaltet
Als in Braunschweig 1979 die Kläranlage entstand, blieben die Rieselfelder erhalten. Das Gelände wurde nach und nach naturnah mit Teichen, Schilf- und Grasflächen gestaltet. Später wurde zusätzlich ein mäandernder Bachlauf angelegt. Neben Vögeln fühlen sich auch Rehe, Feldhasen und Füchse wohl. Im Wasser haben sich Fische wie Rotfedern und Moderlieschen sowie Amphibien angesiedelt – wertvolles Naturfutter für die Wasservögel.
Ein Teil des Klarwassers durchfließt langsam oberirdisch das Netz aus Teichen und Bächen der Rieselfelder und erreicht schließlich den Aue-Oker-Kanal. Ein anderer Teil versickert auf ausgewählten Flächen im Boden, wird von einer Drainage aufgefangen und unter Einhaltung vorgeschriebener
Grenzwerte ebenfalls in den Aue-Oker-Kanal eingeleitet. „Erst nach sieben bis zehn Tagen in den Rieselfeldern erreicht das Wasser die Oker“, erläutert Walther.
Bewässerung auch in Trockenzeiten
Zu seinen Aufgaben gehört es, die Wasserverteilung genau zu steuern, um die Rieselfelder auch in langen Trockenphasen möglichst kontinuierlich zu bewässern und im Winter eisfrei zu halten.















