Open Street Art Gallery
Wo Heizkraftwerk und Natur aufeinandertreffen, entsteht urbane Kunst
Ein Gespräch mit Enrico Casper vom Verein Soziokultur vor Ort e.V.
Rund 130 Meter ist die Mauer des Heizkraftwerks Mitte zur Feuerwehrstraße am Okerufer lang. Bis zum Herbst 2024 war die Mauer nicht mehr und nicht weniger als eine schlichte Wand aus grauem Beton. Das änderte sich im Oktober letzten Jahres, als erstmals Künstlerinnen und Künstler mit Spraydosen und Farben anrückten und die triste Mauer in eine Open Street Art Gallery verwandelten.
Auf die erfolgreiche Premiere folgte nun die Fortsetzung: Wer Ende November beim Spaziergang entlang der Oker zum oder vom Ölper See am Heizkraftwerk Mitte vorbei kam, konnte die Graffiti-Künstler erneut live in Aktion erleben. Die Open Street Art Gallery, ursprünglich initiiert vom HIP HOP Kultur e.V. und seit diesem Jahr weitergeführt vom Verein Soziokultur vor Ort e.V., wird von BS|ENERGY gefördert. BS|ENERGY stellt die Mauer zur Verfügung und unterstützt auch den Farbenkauf finanziell.
Im Interview hat uns Enrico Casper vom Verein Soziokultur vor Ort e.V. erzählt, worum es bei der Open Street Art Gallery geht, wie die urbane Kunst entsteht und welche Reaktionen die Künstlerinnen und Künstler bekommen.

Wie entwickelt Ihr eure Ideen und was ist Euch dabei wichtig?
Mit der Open Street Art Gallery werden insbesondere regionale Künstlerinnen und Künstler aus dem Kontext der Hip Hop Kultur, aber auch Laien oder an Elementen der Hip Hop Kultur Interessierte angesprochen. Durch die (für die Künstlerinnen und Künstler) kostenlose Bereitstellung von Farbe und Material schaffen wir die Möglichkeit, auch großformatige und aufwendige Werke ohne finanziellen und zeitlichen Druck zu realisieren. Wir sehen dies als einen weiteren wichtigen Baustein unseres Festivals, das im kommenden Jahr unter neuem Namen stattfinden wird und bei dem die Werke vorrangig durch internationale Künstlerinnen und Künstler realisiert werden. Nach dem Wirkprinzip „Each one teach one“ („Jeder kann jedem etwas beibringen“), das innerhalb der Hip Hop Kultur fest verankert ist, werden einzelne Werke gemeinsam von Profis, jungen, aufstrebenden Künstlerinnen und Künstlern, Interessierten und Laien umgesetzt.
Wie entstehen die Motive, plant Ihr weit im Voraus oder entsteht manches erst spontan vor Ort?
In der Regel übernehmen wechselnde Teams / Projektgruppen die Organisation der einzelnen Durchläufe. Um die Beteiligten etwas aus der Komfortzone zu holen, wird jeweils ein inhaltliches und/oder farbliches Konzept vorgegeben. Bei diesem Durchlauf war es „nur“ ein Farbkonzept. Beim ersten Durchlauf am Heizkraftwerk im letzten Jahr gab es das Thema „Wasser & Wasserwelten“. Es bleibt also spannend, was wir uns im kommenden Jahr ausdenken.
Was bedeutet es für Euch und die Künstlerinnen und Künstler mit eurer Kunst in den öffentlichen Raum zu gehen, sichtbar für alle zu sein?
Grundsätzlich möchte man ja, dass die eigenen Werke Sichtbarkeit erlangen. Interessant ist auch, dass Passantinnen und Passanten während unserer Aktionen immer wieder stehen bleiben und durchaus interessiert das Gespräch suchen. Graffiti und Street Art als Kunstformen sind in ihrer Gesamtheit ja eher „extrovertiert“ ausgelegt.
Impressionen von der Aktion – die Graffiti-Künstler bei der Arbeit. Bilder: BS|ENERGY
Wie alles begann…

Im Oktober 2024 wurde die Mauer erstmals zur Leinwand. Mehr über die Aktion und welche Motive damals entstanden lesen Sie hier.
Welche Herausforderungen bringt eine „Leinwand” wie die Mauer an der Feuerwehrstraße mit sich und wie wirkt sich der Ort zwischen Heizkraftwerk und Naturraum der Oker auf die Motiventwicklung aus?
Bewusst oder unbewusst wirken sich Orte wahrscheinlich immer auf die jeweiligen Werke aus. Die Mauer an der Feuerwehrstraße eignet sich auf Grund ihrer überschaubaren Höhe von circa zwei Metern eigentlich ideal für Stylewriting – also das Malen von Buchstaben – was im aktuellen Durchlauf auch Schwerpunkt war. Das lange Querformat bietet aber auch eine gute Gelegenheit, Geschichten zu erzählen oder Themen aufzugreifen. Gerade die Länge der Wand ist für uns optimal, da wir so mit sehr vielen Beteiligten (bis zu 20 Personen) gleichzeitig malen können. Was absolut nicht immer der Fall ist. Der Standort ist für uns interessant, da man in relativer Ruhe malen kann. Spannend ist der Kontrast zwischen einem eher industriell geprägten Umfeld mit dem Heizkraftwerk auf der einen und einem natürlichen Umfeld mit der Oker auf der anderen Seite. Mit der Gestaltung der Mauer können wir diese sehr harte und klare Grenze in positiver und kreativer Weise deutlich aufbrechen.
Welches Feedback habt Ihr erlebt?
Durch den starken Rad- und Fußgängerverkehr freuen sich die Künstlerinnen und Künstler auch über eine sehr gute Sichtbarkeit. Auch wenn hier die Frequenz geringer als an einer Hauptstraße ist, so bleiben Passantinnen und Passanten oft stehen, staunen, wundern und erfreuen sich. Negative Stimmen gibt es in unsere Richtung bisher nicht.
Vielen Dank für das Gespräch. Wir sind schon gespannt, was uns beim nächsten Durchlauf der Open Street Art Gallery erwartet.
Die fertigen Motiven der Open Street Art Gallery im November 2025. Bilder: Soziokultur vor Ort e.V.
Neu in 2026:
Soziokultur vor Ort e.V.
Im November 2025 ist der Verein Soziokultur vor Ort e.V. aus dem Hip Hop Kultur e.V. heraus gegründet worden, der bisher an den Standorten Braunschweig und Hannover aktiv war. Seit seiner ersten Ausgabe im Sommer 2020 in Hannover hatte sich das Hola Utopia! Street Art Festival initiiert vom Hip Hop Kultur e.V. als Kulturprojekt etabliert, das den öffentlichen Raum neu definiert und die urbane Gemeinschaft durch Kunst zusammenbringt. Im September 2024 und 2025 hat das Festival erstmals auch in Braunschweig stattgefunden. 2026 wird es nun also unter der organisatorischen Federführung des Verein Soziokultur vor Ort e.V. weitergehen. Für das Street Art Festival 2026 sucht der Verein noch interessierte Personen, Firmen, Partner, die an der Gestaltung einer ihrer Fassaden interessiert sind und/oder die Arbeit des Vereins finanziell unterstützen möchten. Mehr Infos dazu gibt es auf www.skvo-bs.de.
























